Sven (史文哲)

subjektiv, direkt und selten seriös.

ein abend der verlierer – oberbürgmeisterwahl in pforzheim

man soll ja keine vorschnellen analysen nach wahlniederlagen treffen und darum habe ich auch erst ein paar nächte darüber geschlafen. gert hager ist mit 60,2% im zweiten wahlgang zum neuen oberbürgermeister der stadt pforzheim gewählt worden. von mir gibt es eine gratulation, aber ich gönne es ihm nicht. ich bin kein schlechter verlierer – überhaupt nicht – aber gert hager ist eine von diesen personen, die mich dazu bewegt haben mich politisch zu engagieren. diese provinzpopulisten, die mit großen versprechungen und ohne konzepte und sachargumente unsere politikverdrossenheit anheizen, wollte ich schon immer aus den parlamenten haben. jetzt haben wir einen davon als stadtoberhaupt. auch seine unterstützer unterstreichen dieses bild. bestes beispiel: mein ehemaliger religions-lehrer dr. gerhard heinzmann. ein netter alter mann ohne frage, aber in den 3 jahren unterricht bei ihm war ich ihm bei jeder gesellschaftlichen diskussion argumentativ um längen voraus. das brachte mir zwar durchweg jedes halbjahr 15 punkte ein, aber wenn ich lese, dass er sich als hager-unterstützer outet, dann weiß ich vorher der wind weht. zu ihm gesellen sich viele bekannte namen der 60+x generation. jugendliche unterstützer findet man nicht.

nun mag man mir vorwerfen, dass diese worte zu hart gewählt sind. natürlich schreibe ich hier als privatperson und nicht als vorsitzender einer jugendorganisation und mir wurde schon oft attestiert, dass ich eine der schärfsten und vorlautesten zungen der region bin. früher haben sie steine geworfen, ich versuche das auf intellektuellere weise :-)

wie kam es zu diesem ergebnis? im nachhinein betrachtet, war es wohl ein kampf gegen windmühlen in den letzten 3 wochen, denn die hager kampagne hatte schon viel früher den grundstein für einen erfolgreichen wahlausgang gelegt. im online-campaigning war man christel augenstein weit voraus. das gesamte wahlkampf-team war besser organisiert und strukturiert und sorgte schon früh dafür, dass man den amtsbonus an bekanntheit wettmachte. beim team augenstein verließ man sich auf die wenigen ehrenamtlichen helfer und führte einen eher zurückhaltenden kuschel-wahlkampf. das sorgte für das eher schwer zu interpretierende ergebnis im ersten wahlkampf.
danach wollte man bewusst den wahlkampf intensiver gestalten um den boden, den man an hager verloren hatte, aufzuholen. von den medien wurde natürlich sofort ein lagerwahlkampf inszeniert. ich bezweifle, dass diese fokussierung der medien auf mappus gewollt war (zur rolle der pforzheimer zeitung im wahlkampf gibt es in den nächsten tagen mehr). die cdu hat in pforzheim neben vielen internen grabenkämpfen (marquardt, hess) auch ein mobilisierungsproblem und dieses wollte man durch mappus wohl bekämpfen. die cdu-anhängerschaft wollte aber keinen mappus, sondern einen eigenen kandidat und ist deshalb wohl eher daheim geblieben. danach ist man halt immer schlauer ;-)

ich persönlich sage jedoch: der kampf wäre trotz amtsinhaberbonus nur sehr schwer zu gewinnen gewesen. pforzheim bietet eigentlich gar nicht die struktur für eine liberale oberbürgermeisterin. als mannheimer kenne ich eine strukturell (arbeitslosigkeit, sektorenwandel etc.) ähnliche stadt und dort regiert schon seit jahren unangefochten die spd. die hohe zahl an bürgern, die von staatlichen transferzahlungen leben und ein fehlendes starkes bildungsbürgertum bieten leider nicht den besten nährboden für liberale inhalte. das ist natürlich unglücklich, da der liberalismus für jede bevölkerungsschicht die besten konzepte bietet, aber ein nicht zu unterschätzender faktor in der politischen willensbildung.
daraus resultiert auch die verheerende wahlbeteiligung von knapp 36%. das politische desinteresse muss uns allen zu denken geben. wer mich kennt, weiß, dass ich alles versuche um die politikverdrossenheit der jugendlichen zu bekämpfen und nicht umsonst stehe ich nahezu jedes wochenende auf der straße und kämpfe um jeden funken politisches interesse.

ich kann auch nicht verstehen, warum die hager-anhänger einen affentanz nach bekanntgabe des ergebnisses aufgeführt haben (obwohl schon das für sich spricht), denn bei solch einer wahlbeteiligung muss man sich langsam gedanken über die legitiamtion der demokratischen wahlen machen. gert hager wird von ganzen 21,9% der pforzheimer bürger unterstützt und dann von volkswillen zu sprechen ist doch etwas vermessen. statt zu tanzen, sollten wir uns lieber gedanken machen, wie man die menschen wieder mit politischen inhalten erreicht.

besonders leid tut es mir um die stadt pforzheim. frau augenstein hat in den letzten 8 jahren einiges für die stadt getan. sie hat ihre arbeit gut, aber unspekatakulär (stuttgarter zeitung) gemacht und dafür ein irrationales ergebnis bekommen. jeder, der sich nur etwas für die kommunalpolitik in pforzheim interessiert, weiß, dass sie gute arbeit gemacht hat (wurde sogar vom spd-kreisvorsitzenden attestiert). bei dieser wahl ging es nur um persönliche anfeindungen (diverse hager unterstützer) und die machtinteressen unseres neuen oberbürgermeisters. es spricht ja schon für sich, wenn ein kandidat aus dem „eigenen lager“ (er war ja schon bürgermeister für soziales, kultur und sport) kandidiert. das ist ja bekanntlich eher unüblich.

es bleibt uns nichts anderes übrig: jetzt müssen wir mit dem übel leben. repräsentativ für pforzheim sind gert hager und seine frau sicherlich nicht. was er politisch gestalten wird, werde ich als politik-junkie natürlich kritisch begleiten und somit schließe ich mit der hoffnung auf bessere zeiten: ab nächster woche beginnen die planungen für die bundestagswahl. da werde ich wieder versuchen die republik der alten aufzumischen ;-)

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Juni 30, 2009 - Posted by | privat | , , , , ,

1 Kommentar »

  1. ich mochte das Ergebnis am Sonntag nicht glauben, auch wenn ich aus meinem Umfeld schon so eine Vorahnung hatte. Leider sind zu wenige zur Wahl – vor allem junge Menschen. Vllt. war die Einbindung von Mappus auch ein Fehler, so ist viel Vertrauen verloren gegangen in eine unabhängige Kandidatin.

    Kommentar von Florian | Juli 1, 2009 | Antwort


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